Ein Virus mit Folgen
Pfadfinderische Hartnäckigkeit und
unser Haus in Kall
von Wilfried
Konter
Das Pfadfinderhaus in Kall liegt, schön gelegen am Ortsrand der gleichnamigen Eifelgemeinde, da wo der Hauptwanderweg des Eifelvereins in den Wald Richtung Kloster Steinfeld eintritt. Die Tatsache der Existenz dieses Anlaufpunktes für viele Gruppen beruht im wesentlichen auf der Tatkraft der Kaller Pfadfinder, die es in Eigenleistung nach einer großzügigen Schenkung eines Kaller Mäzens in den Jahren 1960 bis 1962 errichteten und 1970 nochmals erweiterten. Mit Begeisterung und Willenskraft haben die damaligen Pfadfinder des Stammes Kall sich für „ihr Haus“ eingesetzt und es fast 20 Jahre für ihre Jugendarbeit genutzt und an Wochenenden und in der Ferienzeit Gastgruppen für einen Aufenthalt in der Eifel zur Verfügung gestellt. Mit dem Rückgang der pfadfinderischen Jugendarbeit am Ort begann ein Zerfallsprozess des Hauses, der scheinbar nicht zu stoppen war.
Dies
und viele andere Details aus der Geschichte des Hauses waren mir nicht bekannt,
als ich mich 1986 bereit erklärte, einen wesentlichen Anteil der Sanierung des
inzwischen abgenutzten und unterwohnten Hauses zu übernehmen und beim Einstieg
der Röher Pfadfinder in die Trägerverantwortung zu helfen. Mir war nur
anfanghaft klar, was es für eine Arbeit bedeuten würde, dieses Haus und das
schöne, es umgebende Gelände für die Röher Pfadfinder und andere wieder gut
nutzbar zu machen. Ich habe nicht geahnt, wie viele ehrenamtliche Arbeitsstunden
dies letztlich bedeuten und wieviele Diskussionen mir bevorstehen würden, um der
Bindung des Hauses an die Pfadfinder in Röhe Gestalt zu geben und ein
Selbstverpflegerhaus mit pfadfinderischem Charakter und Stil möglich werden zu
lassen.
Die Fliesen gelegt, den Feiertag geschändet
Wir sitzen im Herbst 1996
um die Mittagszeit eines schönen Oktobersamstages auf der neu angelegten großen
Terrasse des Hauses. Es ist der vierte Samstag in Folge, der vereinbarungsgemäß
zum Aufbau eines Gerätehauses, das zukünftig der Unterbringung der Gartengeräte
wie der Außenmöblierung und des Spielmaterial dienen soll. Es herrscht eine
gute Stimmung. Die Arbeiten an der vorausgegangenen Samstagen sind gut voran
gekommen. Vor allem die Konstruktion des Gebäudes und seine Eingliederung in
das Gesamtgelände überzeugen alle.
In ähnlicher Konstellation wie in
den Wochen und Monaten der Erstsanierungsphase Ende 1986 bis Mitte 1987 sind
wir beisammen. Die Frauen, wie Fia (Rosewig), Doris (Offergeld), Evi (Ryßel)
oder Elisabeth (Schmoll), die auch jetzt wieder unermüdlich putzen und kochen
und in der Verschönerung tätig sind, sind in ein Gespräch über den
Blumenschmuck im Haus vertieft.
Auch Werner (Eßer) hat sich wie
selbstverständlich wieder ansprechen lassen. Wie immer ist er mit Elan bei der
Sache. Mir fällt ein, daß ich mit ihm unter dem damaligen Zeitdruck am
Karfreitag des Jahres 1987 die Bodenfliesen im Aufenthaltsraum des
Pfadfinderhauses gelegt habe und er es war, der von einem Nachbarn wegen der
vermeintlichen Feiertagsschändung „angemacht“ wurde.
Werner war auch derjenige, der sich zusammen mit seiner Frau Lotte spontan bereit erklärte, den umfangreichen Fliesentransport für die Sanitärbereiche vom Saarland in die Eifel zu begleiten. Was haben wir damals nicht alles getan, um geldsparend jeweils ein Optimum zu erreichen. So war auch der kilometerlange Weg zu Villeroy & Boch im Leih-LKW nicht zu weit. Auch zehn Jahre später sitzt er wieder da, macht seine trockenen Späße und treibt die anderen bei der Arbeit voran.
Vordenker, Handwerker, Bauingenieure
- alles dabei
Neben Werner sitzen Albert
(Krings) und „Schoko“ (Offergeld). Ohne beide ging es wohl auch nicht. Der
eine, der immer und jeder Zeit ansprechbar war, sein gesamtes handwerkliches
Können als auch die Infrastruktur der RWE-Lehrlingswerkstatt in Niederzier
jederzeit zur Verfügung zu stellen, der andere, der als Kopf des „Unternehmens“
vordachte, zusammenhielt, vorantrieb, die Kontakte zu Behörden und
Zuschußgebern pflegte und dabei noch bei den anstehenden Arbeiten handwerkliches
Geschick entwickelte.
Peter (Baum) ist dabei, sein
Handwerkszeug und die mitgebrachten Maschinen aus dem heimatlichen Betrieb zu
säubern, zu ordnen und zusammen zu legen. Die elektrische Kappsäge wie die
beiden preßluftbetriebenen Nagler, die er mitgebracht hat, haben an den
vergangenen Samstagen wie auch heute gute und unersetzliche Dienste getan. Ohne
ihn, seinen Vater Albert und ihr fachmännisches Wissen wäre manche der vielen
Holzarbeiten im Haus nicht in dieser Präzision und Gestalt entstanden.
Auch Marcel (Mandelarz) ist wieder da. Er steht noch hoch auf der Leiter und ändert die Schaltung für die Bewegungsmelder im Außenbereich. Sein Job ist weitgehend getan; Strom und Licht in den beiden neu erstellten Räumen im Gerätehaus funktionieren. Mit ihm arbeitet Harald (Kaulen), einer der Jungen, die hinzu gekommen sind. Es ist gut zu sehen, daß der Nachwuchs bereitsteht. Hoffentlich werden es noch mehr. Willi (Wluka-Schmoll) und Markus (Schwarz) sind in die Konstruktionspläne des Gerätehauses vertieft und diskutieren Detailprobleme. Beide haben als gelernte Bauingenieure ihr Ideengut in Bau und Gestaltung dieses Hauses und des umgebenen Geländes eingebracht.
Ein Arbeitsplatz gehört gut
ausgeleuchtet
Gegen die doch stark strahlende
Sonne blinzelnd, schauen Willi und Markus zu uns herüber. „Sieht schon alles
gut aus!“ ruft Markus. Ja, es sieht wirklich gut aus, vor allem wenn ich
bedenke, in welchem Zustand wir Haus und Gelände übernommen haben. Es ist jetzt
kaum mehr wieder zu erkennen. Und wenn jetzt der Blick über das Anwesen
streift, kann ich fast zu allem, was ich sehe, etwas erzählen.
Als wenn er es geahnt
hätte, wendet sich Albert zu mir hin: „Weißt du noch wie wir im Dunkeln, auf
dem Dach sitzend, die Dachflächenfenster eingebaut haben und alles daran
setzten, an diesem Tag noch fertig zu werden.“ „Ja“, erwiderte ich, „und ich
werde in diesem Zusammenhang wohl auch nicht vergessen, daß du unter anderem
ständig darauf hingewiesen hast, daß ein Arbeitsplatz mit einer entsprechenden
Lux-Zahl ausgeleuchtet sein muß, wenn der notwendige Sicherheitsstandard
eingehalten werden soll.“ Wir lachen beide, und den Gesichtern sieht man die
Zufriedenheit über das Geleistete an.
„Warum tue ich das alles?“ geht mir durch den Kopf. „Ist es dieser bleibende Virus, von dem man nach einer längeren Pfadfinderzeit befallen wird und der scheinbar ein Leben lang wirksam bleibt, sobald wieder etwas mit Pfadfindern angesagt ist? Dann schaltete plötzlich alles in einem auf grün. Spontane Aktivität ist angesagt! Bereitschaft und Engagement gefragt! - Allzeit bereit! Hieß nicht so der Wahlspruch der Pfadfinder?“
Mit Herdplatte Feuer gemacht, mit Kleber gestrichen
Ich gehe in die Küche des Hauses,
die nach der Sanierung am deutlichsten eine Änderung erfahren hat und damit die
Erinnerung an die Zeit vor der ersten Bauphase wachhält. Abenteuerlich waren in
dieser Zeit, so kommt mir in den Sinn, schon die Fahrten in dem eigens
gekauften alten VW-Bus. Zweimal fuhren wir den Benzintank, der keine Anzeige
mehr kannte, auf der Heimfahrt leer, und wir mußten auf Bauernhöfen um Benzin
nachfragen.
Die Heizung im Wagen funktionierte nie. Daher
brachte sich Albert in der Winterphase immer eine Decke mit. Sein Spruch dazu:
„Hät der Bus keen Heizung?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich
dann meistens um, deckte sich zu und schlief ein wenig während der Fahrt von
Eschweiler nach Kall. In den kalten Monaten war es auch, als wir eine Phase
lang keine Fenster und Türen im Haus hatten. Dann standen unsere drei Grazien -
Fia, Gerlinde und Lotte - dick vermummt um den alten riesigen Elektroherd und
waren um unser leibliches Wohl bemüht.
Und als ich wieder einmal mit
Schoko freitags abends vorgefahren war, diesmal um die Vor- und Rückläufe der
Heizung zu ändern, stellten wir kurz nach Mitternacht fest, daß uns kein
einziges Streichholz mehr zur Verfügung stand. Was nun? Feierabend? - nein!
Kurz überlegt, ein Papierstückchen genommen, auf den Elektroherd gelegt und
abgewartet, bis es auf der leicht rot glühenden Platte in Brand geriet. Der
Schweißbrenner wurde neu gezündet, und weiter ging es, bestimmt bis 2.00 Uhr
oder gar 3.00 Uhr am Morgen.
Für mich war es
selbstverständlich, daß die Aktion Pfadfinderhaus Kall während der Umbauphase
Priorität hatte. Jedes neue Arbeits-Wochenende war eine hohe Zeitinvestition,
brachte aber auch Bestätigung und Freude. Ich habe auch oft geflucht oder mich
geärgert, wenn andere nicht so mitzogen, oder mit Robby (von Reth) verdutzt
geschaut, als er statt des Klarlacks, von uns unbemerkt und mit Seelenruhe,
Teppichkleber auf die neu errichteten Sitzbänke im Schlafraum verteilte.
„Wilfried, kannst Du noch einmal
zu Obi fahren, wir brauchen unbedingt ein Paket Spax-Schrauben 4.5 mm x 8 mm?“
ruft man von draußen, und die Stimme reißt mich aus meinen Gedanken in die
aktuellen Aufgaben zurück.